Wie geht Richtfest? Für Glück und Gottes Segen

Richtfest

Wir haben Richtfest gefeiert. Das war uns ein Anliegen, um nach altem Brauch den fleißigen Handwerkern zu danken, gemütlich mit unseren neuen Nachbarn zusammenzusitzen – und wir wollten natürlich keinen Besen mit einem toten Fisch auf unserem Hausdach vorfinden…

Fragen zum Richtfest

Im Vorfeld sammelten wir in Brauchtumsratgebern Tipps zum Thema. Wo wird gefeiert? Wen lädt man ein? Was wird gegessen? Wie läuft das Ganze üblicherweise ab? Wie nicht anders zu erwarten, bietet das Netz jede Menge Informationen, die sich zum Teil auch widersprechen. Wir haben für uns das herausgesucht, was wir gut fanden.

Hinauf zum Dach!

Gegen 18 Uhr stand ich als Bauherr mit unserem Chefzimmermann Steven Rzeppa ganz oben auf dem Giebelgerüst. Trotz Dunkelheit und eisigem Wind (mit Windchillfaktor gefühlte minus 20 Grad) war es ein erhebendes Gefühl. Rechts von mir ein Tännchen als Richtbaum – oft ist es alternativ ein Richtkranz – links von mir Steven mit seinem Richtspruch und einem Glas Rotwein in der Hand; unten die versammelte Gästeschar, bewaffnet mit Fotoapparat und Handy.

Der Richtspruch

Mit seinem Richtspruch dankt der Zimmermann dem Architekten und der Bauherrschaft. Oft geht auch die Bitte an Gott, das Haus und seine Bewohner vor Schaden zu bewahren. Lässig gibt Steven seinen Richtspruch in Reimen zum Besten, lässt gemeinsam mit den Feiernden die Bauherrschaft, den Architekten und die Handwerksleut´ hochleben; jedes Mal ein kräftiger Schluck Wein dazu, und die Leute freut´s, wenn ich ordentlich nachschenke.

Gutes Omen!

Sein Richtspruch geht runter wie Öl, und er schließt mit den Worten: „…geweiht sei dieses Haus zur Stund´“. Wir sind froh, dass Stevens Glas kurz darauf unten auf der Straße zerschellt. Scherben bringen Glück, heißt es. In diesem Fall geht es um mehr. Denn wenn das Glas heil bleibt, ist das einem alten Aberglauben nach ein ganz schlechtes Omen.

Richtfest

Richtfest modern

Der Brauch, nach dem Aufrichten des Dachstuhls ein Richtfest zu feiern, geht mindestens auf das 14. Jahrhundert zurück, im 15. und 16. Jahrhundert waren Speis und Trank für die Handwerker ein Teil ihres Lohns.

Wir mussten die Tradition ein wenig zeitgemäß abwandeln. Denn das Richtfest – der Name geht zurück auf das Auf- oder Errichten des Dachstuhls – feierten wir im Anschluss an das  Auflegen der im Werk vorgefertigten Dachelemente. So kann man heute sagen: Richtfest ist, wenn der Dachstuhl aufgerichtet oder das Dach drauf ist.

Der letzte Nagel

Jetzt kommt mein großer Auftritt. Nachdem ich ebenfalls ein paar Worte an die Anwesenden gerichtet habe, reicht mir der Zimmermann Nagel und Hammer. Denn dem Bauherrn obliegt es, am Dach den letzten Nagel eigenhändig einzuschlagen.

„Manchmal spielen ihm die Zimmerleute hier noch einen kleinen Streich“, hatte ich im Internet gelesen. Aha. Schön so. Ich habe einen Hammer in der Hand, der seinen Namen kaum verdient. Prompt haue ich drei Mal daneben – und die Zimmerer freuen sich: pro Fehlschlag erwarten sie eine Flasche Schnaps. Davon hatte ich eigentlich nichts gelesen. Allerdings hatten ja auch wir den Brauch ein wenig geändert… 😉

Auf zum Richtschmaus

Alle Handwerker holen sich noch schnell eines der farbigen Zunfttücher, die am Richtbaum hängen. Dann aber rein! Inzwischen ist es, sorry, saukalt, und im Haus wartet lecker Essen, dazu gibt´s Kaffee, Tee, Wasser, Saft, Wein, Bier und Schnaps. Thema Speisen: Belegte Brötchen oder die berühmten Fleischkäsewecken sind bei Richtfest ein No Go. Deshalb tischen wir Schnitzel, gebratenen Bauch, Fleischküchle, vegetarische Gemüsebällchen und reichlich Beilagen auf. Auf zum gemeinsamen Richtschmaus!

Jede Menge Gesprächsstoff

Wir freuen uns sehr, dass, neben unserem Architekten und den Handwerkern, auch eine ganze Reihe von Neu-Nachbarn unserer Einladung gefolgt sind; Zeit, sich etwas näher kennenzulernen – und selbstredend gibt es mit denen, die auch neu bauen, jede Menge Gesprächsstoff rund um Planung, Genehmigung und Hausbau.

Brot und Salz

Geschenke gibt es übrigens auch. Für die Handwerker sollen Richtschmaus und Zimmermannstücher genug des Dankes sein. Und nur diejenigen Gäste, die nicht am Bau mitgeholfen haben, bringen der Bauherrschaft ein kleines Präsent mit. Bei Brot und Salz widersprechen sich die Quellen. Die einen sehen das symbolische Geschenk dafür, dass immer genug Essen im Haus ist, beim Richtfest, die anderen zum Einzug, heute genannt House Warming Party.

Toter Hering für die Bauherrschaft

Zum Schluss zu eingangs erwähntem Besen mit Fisch. Wenn die Bauherrschaft zu knausrig ist, ein Richtfest auszurichten, muss sie damit rechnen, ein spezielles Abschiedsgeschenk von den Zimmerleuten zu bekommen: Ein verfranster Besen mit ein paar Restborsten, an dem ein toter Hering hängt, kündet weithin sichtbar vom Geiz der Bauherrschaft.

 

Die wesentlichen Fakten zum Richtfest im Überblick:

  • Die Bauherrschaft richtet das Richtfest auf eigene Kosten aus.
  • Das Richtfest findet zur Arbeitszeit auf der Baustelle statt.
  • Eingeladen werden Baubeteiligte, Nachbarn, Freunde und Verwandte.
  • Der Zimmermann befestigt den Richtbaum am Dach und hält den Richtspruch.
  • Der Bauherr haut den letzten Nagel ins Dachgebälk.
  • Dann wird das Fest mit Richtschmaus gefeiert.

 

 

Ein Gedanke zu „Wie geht Richtfest? Für Glück und Gottes Segen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.